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Ent-Subjektivierung des Menschen

Ent-Subjektivierung des Menschen: Reinhold Aschenberg

Lager und Shoah in philosophischer Reflexion

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Autor(en) Reinhold Aschenberg Verlag Königshausen & Neumann
Sachgebiet(e) Totalitarismus ISBN 3-8260-2556-3

2003, 345 S.

Rezension von Bodo Wünsch (Homepage http://bodowuensch.blogspot.com)

Der erste Blick in das Inhaltsverzeichnis macht nicht nur Fachphilosophen neugierig. Beeindruckend der zweite Blick auf Umfang und Apparat: 345 Seiten mit weit über 700 Fußnoten, die auf mancher Buchseite gerade noch Raum für nur ein, zwei Zeilen Primärtext lassen, dazu ein nach acht Kategorien unterteiltes Literaturverzeichnis. Das ist zunächst ohne Bedeutung - oder mag manchen gar abschrecken - in diesem (seltenen) Fall bestätigt sich der Eindruck mit jeder Seite positiv: Aschenberg legt ein hoffentlich Schule machendes Werk vor, eines der raren Exemplare philosophisch profunder Literatur des beginnenden Jahrhunderts, bei dem Form und Apparat ausnahmsweise einmal für ganz vorzügliche Qualität steht.

Die Lektüre erfordert dennoch Konzentration und vielleicht einen Notizblock neben sich. Aschenberg eröffnet auch und besonders für Laien einen wahren Kosmos: Rational-kritische Reflexion auf verschiedenen wissenschaftlichen Ebenen, auf höchstem Niveau mit sprachlicher und methodischer Präzision, liefert fein abgewogene Urteile ohne Ver-, Vor- oder Ab-Urteilungen, präsentiert ein noch luzides Neben- und Gegeneinander verschiedener philosophischer Denkrichtungen (v.a. Heidegger, Adorno, Levinas), das ganze im packenden Duktus aufrechter Empörung über die "ärgste Aberration" der gesamten zivilisierten Menschheitsgeschichte: Nationalsozialistisches Konzentrationslager und Shoah, Schandmal der Geschichte auf Ewigkeit.

Jeder spezifische Terminus, den Aschenberg im Zusammenhang mit der philosphischen Hauptthematik, der Entmenschung des Menschen in Konzentrationslager und Shoah verwendet, wird nicht etwa unkritisch "benutzt", sondern selbst auf Tauglichkeit geprüft (etwa "Holocaust" vs. "Shoah"). Man braucht dennoch keinerlei Vorbehalte zu hegen, dass es dem Autor um einen bloß akademischer Selbstzweck zu tun wäre. Jeder Satz, jeder Gedanke steht im Dienste seiner zentralen These: Der Nationalsozialismus zielte nicht etwa "nur" auf Entrechtung und Vernichtung von Juden und anderen spezifischen Menschengruppen, sondern auf totale Destruktion der Menschheit (humanitas nach Kant) im Menschen. So gelangt Aschenberg übrigens fast zwangsläufig gegen Ende des Buches auch zu einer Kritik der heute (leider und immer noch) vorherrschenden (doch unkritisierten) Antirationalität eines (nach wie vor) politisch-"weltanschaulichem" Naturalismus, der die NS-Ideologie trieb.

Dem Autor gelingt eine bislang ungesehene, fein verzweigte Reflexion nicht nur philosophischer Aspekte. Das Sezieren und die Kritik fällt dem Autor, der die subjektivitätstheoretische Position Hans Wagners (und mit diesem: diejenige Immanuel Kants) einnimmt, nicht allzu schwer.

Aschenbergs überragend wichtiges Buch ist ein stilistisch wie gedanklich exzellentes Lehrbuch für jede profunde moralphilosophische Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Konzentrationslager und Shoah. Es verdient uneingeschränktes Lob, und ich hoffe, es erhält nicht nur in einschlägigen Fachkreisen die ihm gebührende Aufmerksamkeit.

Beschreibung des Verlages

Unter einer spezifisch philosophischen Perspektivik werden die Sachverhalte thematisiert, die mit dem nationalsozialistischen System von Konzentrationslager und Shoah gegeben sind. Diese Perspektivik ergibt sich aus Traditionen des transzendentalen Denkens und der hiermit verbundenen Theorie der konkreten Subjektivität. Ausführlich werden der philosophischen Perspektive in differenzierter Form Ergebnisse der einzelwissenschaftlichen Forschungen (Geschichtswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Sprachwissenschaft etc.) integriert. Einer der Schwerpunkte liegt auch bei der Analyse von charakteristischen Reaktionen der Nachkriegsphilosophie: Neben dem im Normalbetrieb vorherrschenden Schweigen und Ablenken (exemplifiziert an Rothacker und Gadamer) kommen abweichende Sondervoten besonders prominenter und einflußreicher Autoren (Heidegger, Adorno, Levinas) zur Sprache. Die Arbeit versucht zu begründen, daß die im System von Lager und Shoah kulminierende Ideologie und Machtpraktik des Nationalsozialismus auf eine De-Subjektivierung des Menschen zielt (auch der eigenen Bevölkerung) und deshalb als menschheitsgeschichtlich singulär zu gelten hat. Und sie zeigt auch, wie in der Pathologisierung, Deformation und Zerstörung des Menschen dennoch Momente bewahrter, sich bewährender Subjektivität möglich bleiben. Daß so manche Richtung der Nachkriegsphilosophie ebenfalls zu einer Auflösung der Subjektivität - bewußt oder unbewußt infolge eines mangelnden bzw. mangelhaften Konzeptes von Subjektivität - tendiert, erscheint so in einem neuen Licht.

Quelle: Verlag Königshausen & Neumann

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