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Die Therapie der Gesellschaft

Die Therapie der Gesellschaft: Stefan Blankertz, Anke Doubrawa, Erhard Doubrawa

Perspektiven zur Jahrtausendwende

Preis 6,00 € In den Warenkorb » Cart
Zustand Neu Auf Lager
Autor(en) Stefan Blankertz Verlag Peter Hammer Verlag
Herausgeber Anke Doubrawa, Erhard Doubrawa
Sachgebiet(e) Psychologie ISBN 3-87294-781-8
Aktion: Preisreduzierter Restbestand

Herausgegeben von Anke und Erhard Doubrawa
Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1998
266 Seiten, broschiert

Daß die menschliche Gesellschaft der Therapie mehr noch als die kranken Individuen bedarf, darüber sollte es kaum einen Zweifel geben: Psychische Defekte wie Vereinsamung oder ziellose Gewalttätigkeit in den demokratisch geordneten Industrienationen sowie Hunger, Elend, staatliche Gewalt und Mordlust von fanatisierten Massen für die überwiegende Mehrheit der Menschen in den übrigen Ländern stellen dem 20. Jahrhundert kein gutes Zeugnis aus.
Der Autor geht der Frage nach, ob dieser Fehlentwicklung wirklich die angeblich "böse" Natur des Menschen zugrundeliegt. Er zeigt demgegenüber, welche Mechanismen die Natur des Menschen böse machen und überlegt, wie wir zu menschlichen Menschen werden können.
Zu seinen Überlegungen läd Stefan Blankertz die Weisen früherer Zeiten ein, seine eigenen Träumereien und nicht zuletzt den Leser selbst: Dem Leser wird kein fertiges System vorgelegt, sondern ihm werden Gedanken, Einsichten, Geschichten, Notizen als Nahrung für sein eigenes Denken angeboten.
Und weil der Mensch ein ebenso denkendes wie fühlendes Wesen ist, wird nicht unterschieden zwischen hochpolitischen Themen wie der Zukunft des Wohlfahrtsstaates und scheinbar privaten Angelegenheiten wie der Zukunft der Liebe.
Quelle: Gestalt-Institut Köln - GIK Bildungswerkstatt
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Rezensionen
Marxismus ohne Marx? Karin Meyer-Umstaedt 25.11.04

Marxismus ohne Marx?
Zur Krise der linken Theorie im Anschluß an Blankertz’ „Therapie der Gesellschaft“
von Karin Meyer-Umstaedt

Vor ein paar Jahren hätte ich gewiß kein Buch zum Anlaß genommen, über meine eigene Position als Linke zu reflektieren, in welchem der Gralshüter der kapitalistischen Ökonomie, Friedrich August von Hayek, „sozialrevolutionär“ (S. 28) genannt wird. Inzwischen bin ich nicht nur älter, ruhiger und „toleranter“ geworden, sondern es haben sich vor allem die objektiven Bedingungen verändert: Vieles von dem, was Marxisten für unumstößliche Wahrheiten gehalten haben, hat sich in der Praxis als falsch erwiesen. Wenn der Zusammenbruch des real existiert habenden Sozialismus nicht als Widerlegung des Marxismus genommen werden soll, wie dies die bürgerliche Theorie triumphierend tut, muß gerade der Marxist sich dieses Zusammenbruchs annehmen und ihn produktiv deuten. Weder ein Abtun, dort sei ja Marx nie „richtig“ angewendet worden, noch eine unglaubwürdige DDR-Nostalgie sind theoriefähig.

Blankertz – Jahrgang 1956, also ein Spät-68er wie ich – ist, trotz seiner befremdlich positiven Bezugnahme auf Hayek, kein Verräter an den ursprünglichen Themen des Marxismus der 60er Jahre. Er knüpft besonders an die kulturkritischen Diagnose von Marcuse an, in der die Herstellung einer „Gesellschaft ohne Opposition“ (S. 30). analysiert wird. Diese Analyse hält Blankertz offenbar trotz des Scheiterns des realen Sozialismus für weiterhin gültig: „Wenn im Staat Meinungsfreiheit jedoch taktisch zugestanden wird, um wahre Veränderungen zu verhindern, ist das Verdoppelung der Barbarei“ (ebd.). In diese Formulierung kann ich keinen Fortschritt gegenüber von Marcuses legendärer „Kritik der repressiven Toleranz“ erkennen. (Blankertz vermeidet es, in diesem Punkt Marcuse wortwörtlich zu folgen, wohl weil er selbst „Toleranz“ als positiven Wert uneingeschränkt erhalten möchte.)

Im Marxismus der „kritischen Theorie“ von Marcuse, Adorno, Horkheimer und Habermas ist die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie zwar stets vorausgesetzt, nie jedoch selbst thematisiert oder gar weiterentwickelt worden. Man ging davon aus, daß das System dieser Kritik mehr oder weniger vollständig und unwiderleglich vorliegt und beschäftigte sich mit den Fragen des kulturellen Überbaus. Dies war nicht die beste Idee der kritischen Theorie. Hätte sie die Diskussion der sowjetischen Ökonomen verfolgt, die sich in den 20er Jahren mit solch ideologisch verdächtigen Verteidigern des Kapitalismus wie Ludwig von Mises und seinem Schüler Hayek beschäftigt haben, wäre ihnen wohl sehr deutlich geworden, welche ökonomischen Themen noch zu bearbeiten sind: Ausgerecht von Ludwig von Mises mußten sich die marxistischen Praktiker vorhalten lassen, daß es ein Problem der effizienten Allokation gibt, solange Knappheit vorhanden ist. Natürlich ist es bekannt, daß Marx selbst die Möglichkeit des Kommunismus an die Überwindung der Knappheit gekoppelt hatte. Das hätte man nicht vergessen dürfen. Mises und Hayek gelang es, die Instrumentarien der marxistischen Ideologiekritik auf den Marxismus selbst anzuwenden. Dies ist auf ein klares Versäumnis marxistischer ökonomischer Theorie zurückzuführen. Hier muß die Erneuerung des Marxismus nach der sowjetischen Katastrophe ansetzen.

Blankertz geht allerdings den umgekehrten Weg. Er scheint sich gefragt zu haben, wie man denn vorgehen könnte, wenn die marxistische Ökonomie falsch, die marxistische Kulturkritik jedoch richtig sei. Weil nun Marcuse gar keine ökonomische Theorie vorlegt, ist es relativ einfach, sein Axiom zu verändern. Aufgrund der ideologiekritischen Qualität der liberalen Autoren von Mises und von Hayek ist es verständlich, wenn Blankertz’ Wahl auf sie fällt, um das Vakuum zu füllen. Anstelle des Kapitalismus wird nun der „Etatismus“ (S. 22), der Staat, als die Ursache von Krieg, materieller Not und psychische Verelendung angeprangert. In dieser Perspektive avanciert dann, wie erwähnt, der Erzreaktionär Hayek zum „Sozialrevolutionär“.

Die Kritik bleibt gleich, das Ziel allerdings wird durch das veränderte Axiom völlig verschoben. Anstatt gegen Eigentum, Ausbeutung und Unternehmerwillkür zu kämpfen, scheint es bei Blankertz zur Therapie der Gesellschaft zu gehören, Eigentum, Egoismus (z.B. explizit S. 243) und unkontrolliertes Marktgeschehen noch weiter auszubreiten. So paradox es klingen mag, aber auch für diesen Schritt meint er, Marxisten als Kronzeugen anführen zu können (S. 155, 157 u.ö.): Eine Gruppe von Historikern um den Marxisten Gabriel Kolko hat in einer Neuinterpretation der Wirtschaftsgeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts die Feststellung getroffen, daß es nicht die Marktkräfte waren, die die Monopolisierung des Kapitals herbeigeführt haben, sondern Maßnahmen des Staates.

Die Feststellungen von Kolko finde ich allerdings nicht so überraschend. Natürlich bedient sich das Kapital des Staates, um die eigenen Interessen gegen widerstreitende Marktkräfte durchzusetzen. Blankertz interpretiert es allerdings anders. Er stützt sich auf Ayn Rand (S. 28ff), eine rechte amerikanische Kultautorin. In ihren Trivialromanen heroisiert sie den unabhängigen Unternehmer, aber verurteilt die „Feiglinge“, die sich an die Regierung wenden, um Subventionen oder vorteilsbringende Gesetzgebungen zu erlangen. Während also Kolko von einer ökonomischen Notwendigkeit spricht, deutet Blankertz die Wendung zum „politischen Kapitalismus“, wie Kolko es nennt, als moralisches Versagen der Kapitalisten. Einem Marxisten allerdings ist klar, daß politische Ökonomie nicht mit Moral zu machen ist. Diese Lektion werden die Liberalen wohl nie lernen.

Doch selbst, daß Blankertz’ Wahl auf die doch sehr zwielichtige Ayn Rand fällt, ist durchaus konsequent. Ihr Opus Magnum „Atlas Shrugged“ von 1956 erscheint jetzt gerade zeitgemäß auf dem detuschen Markt unter dem Titel „Wer ist John Galt?“. Das Titelbild ist sinnigerweise mit einem Dollarzeichen versehen. Allerdings ist in Rands Kritik an der demokratischen Massen- und Einheitskreatur sehr ähnlich den Ausführungen, die wir auch bei Marcuse finden. In Rands 1942 auch in Hollywood (!) verfilmten Roman „The Fountainhead“ sprengt ein Architekt die von ihm geplanten Häuser in die Luft, bevor sie bezogen werden, weil gegenüber seinen kühnen Entwürfen zu viele Kompromisse mit dem Durchschnittsgeschmack vorgenommen worden sind.

Auf diese Weise schließt sich der Kreis: Blankertz findet eine Kongruenz linker und rechter Kulturkritik (natürlich fehlt auch Ernst Jünger nicht) und hebelt damit die marxistische politische Ökonomie aus, die beide unterscheidet. Das tut er jedoch nicht – das muß ich zu seiner Ehre anmerken (und nur darum hat mich sein Buch angeregt anstatt wütend zu machen) –, um die humanistische Ausgangsfrage des Marxismus zu verneinen. Er hält daran fest, daß das Ziel der Philosophie sein muß, die Welt zum Besseren zu verändern (anstatt sie zu interpretieren). Und das heißt: Krieg und Armut müssen verschwinden. In diesem Punkt gibt Blankertz nicht nach (S. 247), wie das viele linke Weggefährten getan haben. Weggefährten, die den Antimilitarismus der neuen Pragmatik der bewaffneten „internationalen Staatengemeinschaft“ meinen opfern zu dürfen.

Blankertz entwickelt seine Theorie von der „Therapie der Gesellschaft“ nicht im Stile der marxistischen Klassiker in einer stringent hergeleiteten Monographie. Vielmehr handelt es sich um kurze Abschnitte, die assoziativ aneinander gesetzt sind, gemischt mit Zitaten und Geschichten. Er selbst begründet dies im Vorwort: „Philosophie wird zum Video-Clip“ (S. 11). Dies macht das Lesen angenehm. Es finden sich Beobachtungen darunter, die ich wirklich wie einen Video-Clip sehe und die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben wie diese: „Unsere beiden Katzen vertragen sich nicht so besonders. Wenn ich sie morgens zum Fressen von ihren nächtlichen Streifzügen ins Haus rufe, kommen sie aus ihren unterschiedlichen Lieblingswinkeln und fauchen sich ersteinmal an. Nur wenn es kalt ist, schlafen sie zusammengekuschelt in einem Winkel. Ist Solidarität dergestalt an Not gebunden?“ (S. 45). Die Antwort muß sich die Leserin und der Leser dann selbst geben. Die theoretische Auseinandersetzung wird durch diese Art der Präsentation allerdings erschwert. So wird Blankertz’ Buch zum MTV der politischen Philosophie.