Die Stadt der Sehenden
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| Autor(en) | José Saramago | Verlag | Rowohlt Verlage |
| Sachgebiet(e) | Romane | ISBN | 3-498-06384-7 |
2006, 384 S., gebunden
In der Hauptstadt einer ungenannten westlichen Demokratie geben bei einer Wahl aus heiterem Himmel 75 Prozent der Wähler einen unbeschrifteten Stimmzettel ab. Die Regierung hält sich mit diesem Wahlergebnis für handlungsunfähig; eine Wiederholung der Wahl bringt ein noch schlechteres. Die Minister sind bestürzt, ein subversiver Angriff auf das System, meinen manche, eine Torpedierung der Demokratie. Statt dass man die Motive der Wähler ergründet, wird der Ausnahmezustand verhängt, um den "Infektionsherd" zu finden. Diktatorische Maßnahmen greifen, Panzer patrouillieren durch die Stadt, willkürliche Verhaftungen folgen…
"Die Stadt der Sehenden" ist eine glanzvolle politische Parabel, ein Buch darüber, wie fragil unsere Demokratie sein kann, wie sehr es von uns abhängt, sie mit Leben zu füllen. Ein weiteres Meisterwerk des großen Moralisten Saramago.
Hieß es in einer Besprechung von Die Stadt der Blinden noch, die einzige Schwäche dieses grandiosen Werks sei vielleicht, dass am Ende die Blinden das Augenlicht wieder erlangten und der Horror ein Ende fand («ein Zugeständnis an eine Art von Moral, an so etwas wie Hoffnung», Frankfurter Rundschau), lässt sich das für José Saramagos neuen Roman Die Stadt der Sehenden nicht mehr anführen. In dieser politischen Parabel über die moralische Zerbrechlichkeit des Menschen wird der Schrecken einer totalitären Staatsanmaßung bis zum bitteren Ende getrieben.
Das Verhängnis kann immer und überall über uns hereinbrechen. An einer roten Ampel, vor der wir wie erstarrt verharren, weil wir von einem auf den anderen Augenblick erblindet sind; kein Grün wird mehr für uns aufleuchten. Oder an der Wahlurne, an der wir ein demokratisches Recht in Anspruch nehmen, das Recht, weder Ja noch Nein zu sagen, sondern weiß zu wählen – und über Nacht zum Staatsfeind erklärt werden.
Genau das passiert in Saramagos namenloser Republik. Zum Offenbarungseid für das herrschende Regime wird das Votum der Weißwähler, weil nicht eine verschwindende Minderheit, sondern fast Dreiviertel der Hauptstadtbevölkerung ihm einen Denkzettel gegeben haben.
«Verunsicherung, Bestürzung, aber auch Spott und Sarkasmus fegten über das Land», dessen Stabilität bis dahin auf der akkuraten Machtbalance von drei Parteien beruhte (Partei der Rechten /PDR, Partei der Mitte/PDM, Partei der Linken/PDL).
Aber erst die Wiederholung der Wahl löst ein politisches Erdbeben aus: 83 Prozent leere, weiße Stimmzettel. Statt offener Analyse des Fiaskos und vertrauensbildender Maßnahmen setzen sich die Hardliner in der Regierung durch. Panzerpatrouillen, Verhöre, Totalzensur, das komplette Arsenal repressiver Maßnahmen kommt zum Einsatz. Der Ausnahmezustand wird zum Belagerungszustand radikalisiert, «ehe die Pest und das Verderben auf den gesunden Teil des Landes übergreifen können».
Schicht für Schicht platzt die Patina demokratisch-ziviler Normen ab, bis das skelettierte Gerüst einer Diktatur freigelegt ist. Mit skalpellscharfer Sprache zwingt uns Saramago, das so gewaltsame wie lächerliche Schauspiel der totalitären Transformation zu verfolgen.
«Sie, ja Sie sind die Schuldigen», droht der Präsident der Republik unverhohlen. «Sie, ja Sie sind diejenigen, die auf schändliche Weise aus dem nationalen Konzert ausgestiegen sind, um den verschlungenen Pfad der Subversion zu betreten, der perversesten, teuflischsten Herausforderung für die legitime Macht des Staates …»
Die Stadt der Sehenden lässt sich als eine Fortsetzung der Stadt der Blinden lesen. Nicht nur Constante, dem «Hund der Tränen», begegnen wir wieder, auch der Frau des Augenarztes, die damals als einzige vom Schrecken der Blindheit verschont geblieben war. Bizarrerweise wird gerade sie denunziert und als Schuldige am Ausbrechen der «weißen Pest» zur Rechenschaft gezogen: «Ihr wahres Verbrechen bestand darin, nicht erblindet zu sein, als wir alle blind waren.»
Blocksatz über viele Seiten hinweg, Dialogpassagen ohne An- und Abführungszeichen und lediglich durch Kommata voneinander getrennt – der Autor will es seinen Lesern nicht leicht machen, wil höchste Konzentration erzwingen für seine Chronik der schrittweisen Außerkraftsetzung ziviler Normen. Aber gerade dank dieser formalen Hermetik entfaltet der Text seine suggestive Kraft, lässt uns atemlos verfolgen, wie das Undenkbare passiert.
Quelle: Rowohlt Verlage
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