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Minimalinvasiv

Minimalinvasiv: Stefan Blankertz

Acht kritische Nachträge

Preis 14,80 € In den Warenkorb » Cart
Zustand Neu Versandfertig in ca. 2 bis 4 Werktagen
Autor(en) Stefan Blankertz Verlag BOD Books on Demand
Sachgebiet(e) Radikalliberalismus ISBN 978-3-8482-1275-0
2012, 190 Seiten

Inhalt: Die acht Nachträge

  1. wirklich ist wirklich wirklich: Immanuel Kant 1724-1804
  2. Tanz ums Goldene Kalb: Richard Dawkins *1941
  3. Die Wurlitzer-Orgel des Geistes: Adorno versus Buber
  4. Wie praktisch ist die Praxis? Adorno mit Hayek
  5. Die Radikalität kleiner Schritte: Paul Goodman 1911-1972
  6. Enteignung oder Aneignung: Peter Kropotkin 1842-1921
  7. Subversiver Kapitalismus: Sigrist mit Rothbard
  8. drei gründe für die todesstrafe, Kurzgeschichte

 

»Adorno ohne Marx. Hayek als subversiver Denker. Eine konstruktivistische Kritik am Konstruktivismus. Drei ›überzeugende‹ Gründe für die Todesstrafe. Und Religionskritik als Grundlage mystischer Gotteserfahrung: Stefan Blankertz verstört und verzaubert mich.«   
Karin Meyer-Umstaedt

Leseprobe 1
Aus dem Kapitel 1: wirklich ist wirklich wirklich

Ebenso ist zu fragen, warum Menschen kollektiv ein äußeres physisches Hindernis konstruieren sollten, wenn dies nicht vorhanden ist. Denken wir uns einen Berg und in den vier Himmelsrichtungen grenzen vier verschiedene Sprach- und Kulturgruppen an. Wir befinden uns in einer Zeit mit einer geringen Infrastruktur und mit beschwerlichem Reisen. Jede Gruppe wird den Berg anders, in der ihrer jeweiligen Sprachtradition eigenen Weise sehen. Jedoch würde es der Gruppe, die sich den Berg wegdenkt (oder, konstruktivistisch gesagt: die sich den Berg gar nicht erst hindenkt), wenig nützen, um einfacher auf die andere Seite zu kommen. Wir gehen davon aus, dass der Berg »trotzdem« da ist.
Oder ein anderes Beispiel: Ein Fischer sticht in See, die ihm bis dato völlig unbekannt ist. Er wird das Wasser in der von ihm erlernten Weise sehen, also speziell jene Eigenschaften, die ihm beim Fischen behilflich sind. Wenn er aber einen Schwarm »sieht« und nach ihm seine Netze wirft, wo doch »keiner ist«, kehrt er mit leeren Händen heim. Hoffen wir, dass er kein solcher Konstruktivist ist, sondern sieht, was »da« ist. Auf seine Weise. In seinem Interesse. Und doch an der Realität orientiert, damit er wirklich (und nicht nur konstruiert) seine Familie ernähren kann.
Die Begriffe »Sinnesorgane« oder »Wahrnehmung« sind konstruktivistisch gesehen ohne Sinn. Denn sie setzen ihrerseits voraus, dass bei aller Gefahr der Täuschung, Projek­tion oder kulturellen und sprachlichen Prägung »etwas« da sei, das auf die Organe wirkt (sie reizt) und das sich für wahr oder real nehmen lässt. Der Konstruktivismus bricht das erkenntnistheoretische Denken dort ab, wo es spannend wird.


Leseprobe 2
Aus dem Kapitel 2: Tanz ums Goldene Kalb

Das Verzeihende, Nachsichtige, Friedfertige, das heute von Gutmenschen gern als gemeinsames Anliegen womöglich aller Religionen deklariert wird, kommt nicht anders als durch ein selektives Lesen zustande. Die bewaffnete Intoleranz kann sich mit gleichem Recht auf die sakralen Texte berufen. Das Kriterium, nach welchem wir das eine als Gut und das andere als Schlecht einstufen, findet sich nicht in den Texten, sondern für das Kriterium haben wir uns außerhalb des Textes entschieden. Auf solche Art wird der Text zu einem Stück Ideologie: Wir suchen in ihm nach Belegstellen, welche die vorab gebildete Meinung untermauern, und blenden aber Stellen aus, die unserer Meinung widersprechen.


Leseprobe 3
Aus dem Kapitel 6: Enteignung oder Aneignung

Die harmonistischste aller Utopien hat Fürst Kropotkin mit seinem »anarchistischen Kommunismus« formuliert. Die ganze Gesellschaft organisiert sich auf Grundlage der »gegenseitigen Hilfe« mittels »freier Vereinbarung« ohne formal definiertes Eigentumsrecht. Wenn der Fürst einmal die Möglichkeit von Differenzen oder sogar Konflikten anspricht, so werden sie meist mit Hinweis auf liebevolle Zuwendung der Gruppenmitglieder als zu erledigen angesehen. Doch eine Gewitterwolke zieht auf in diesem Paradies:

»Ist es nicht […] evident, dass eine auf das Prinzip der freien Arbeit gegründete Gesellschaft, falls sie tatsächlich durch Faulenzer gefährdet wäre, sich gegen sie auch ohne autoritäre Organisation und ohne Rückgriff aufs Lohnsystem zu schützen vermöchte? Stellen wir uns eine Gruppe von Freiwilligen vor: Sie haben sich zu irgendeinem Unternehmen vereint und bis auf einen, der öfter auf seinem Posten fehlt, wetteifern sie alle miteinander, damit es gelinge; müsste die Gruppe um dieses einen willen sich nun auflösen oder einen Präsidenten ernennen […]? Wahrscheinlich wird man […] stattdessen dem Genossen […] sagen: ›Lieber Freund, wir würden ja gern weiter mit dir zusammenarbeiten, aber da du so oft auf deinem Posten fehlst und deine Arbeit nachlässig machst, müssen wir uns trennen. Geh und such dir andere Genossen, die sich deine Nachlässigkeit gefallen lassen.‹«

Diese Argumentation funktioniert nur, wenn der Ausschluss aus der Gruppe zugleich ein Ausschluss von den Früchten ihrer Arbeit ist. Denn andernfalls würde der Faulenzer sich nach dem Ausschluss noch besser stehen als zuvor: Er bräuchte nichts mehr zu tun, hätte jedoch weiter Zugriff auf die Arbeitsergebnisse. Insofern ist in der zitierten Textstelle nur der Hinweis »ohne Rückgriff aufs Lohnsystem« falsch: Doch, es handelt sich um einen Rückgriff aufs Lohnsystem und damit um die Alternative zu der »autoritären Organisation«. Kropotkin bestätigt hier meine Interpretation, dass es sich bei der »freien Vereinbarung« um Marktwirtschaft und um eine implizite Annahme von Eigentumsrechten handelt.
Freiheit findet sich in einer Gesellschaft bis zu dem Maße, bis zu dem das (Selbst-) Eigentum anerkannt wird. Zur Vergewisserung meiner Position habe ich ein Buch wieder- & neugelesen, das meinen Anarchismus in meiner Jugendzeit inspiriert hat und auf das auch Paul Goodman gern hinwies: Peter Kropotkins »Eroberung des Brotes« (1892 / 1913). Die für meine Fragestellung aufschlussreichen Stellen daraus werden hier »gegen den Strich« kommentiert.

[…]

Die »Occupy Wall Street«-Bewegung ist, soziologisch gesehen, klassisch faschistisch. Die von der Krise bedrohten Kleinbürger verlangen nicht wie die (Staats-) Sozialisten eine generelle Verstaatlichung oder wie die (Staats-) Kommunisten eine Sozialisierung von allem Eigentum, sondern machen vielmehr Juden = Spekulanten für die Krise verantwortlich: Für die Krise halten sie unruhige Märkte, die in Wirklichkeit dabei sind, die staatlich verursachten Probleme so gut wie möglich auszugleichen. Als Lösung wird die durchgreifende staatliche Regulierung der Märkte angesehen: Die Idee dahinter ist »Eigentum ohne Markt«. Hartnäckig weigern sie sich anzuerkennen, dass die akute Krise die dem Krieg notwendig folgende Rezession darstellt: Werte, durch Inflation finanziert, sind vernichtet worden und dies hat unweigerlich zur Folge, dass der Lebensstandard sinken muss. Die Krise löst Verteilungskämpfe aus, denn die Frage lautet, bei welchen Personengruppen der Lebensstandard sinkt. Hartnäckig weigern sie sich anzuerkennen, dass die Politiker und Parteien, die sie selbst gewählt und deren Kriege sie mit Hurra und moralischer Rechthaberei legitimiert haben, die Krisenursachen darstellen. Im Gegenteil, ausgerechnet von ihnen wird die Lösung erwartet. Auch hierin ist die »Occupy Wall Street«-Bewegung faschistisch: In ihr drückt sich als scheinbar spontaner Straßenprotest das Interesse der Herrschenden aus. Werden die »Occupy Wall Street«-Forderungen durchgesetzt, verlieren genau die Leute, die die Bewegung tragen, weiter, während die herrschende Klasse aus Staatslenkern und Staatskapitalisten als Sieger dastehen. Ob dann die bürgerlichen Freiheiten jedoch noch so weit intakt sind, dass sich neuerlicher Protest wird artikulieren können (oder dürfen), steht dahin. Denn Liquidierung des Liberalismus steht bei aller politischer »Bewegung« ganz oben auf der Tagesordnung.

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Rezensionen
Minimalinvasiv ist maximalanregend Michael von Prollius 18.11.12

„Minimalinvasiv“ ist Leitbild und Essenz, ist Klammer und roter Fader von acht Nachträgen, die der Sozialphilosoph Stefan Blankertz in einem Band mit stilvollem Layout zusammengetragen hat.

Geradezu entlarvend ist die Bürokratie-Dystopie mit drei Plädoyers für die Todesstrafe. Das feinsinnige Verständnis für die Funktionsweise und Kultur der Bürokratie regt zum grundsätzlichen Nachdenken an. Für Theoretiker und Praktiker gleichermaßen geeignet sind die luziden Ausführungen über den „praktischer Reflex“ und sein theoretische Überwindung in dem auf der Großen Freiheit 2010 gehaltenen Vortrag „Wie praktisch ist die Praxis? Adorno mit Hayek“. Stephan Blankertz konstatiert: „Das, was sich praktisch umsetzen lässt, folgt stets der Logik der Herrschaft und nicht einer Logik der Befreiung.“ Sehr viel abgewinnen lässt sich der von Paul Goodman entlehnten Bezeichnung „unfertige Gesellschaft“ anstelle von Poppers offener Gesellschaft.

Wer sich mit konsequent liberalen Gedanken beschäftig und auf der Suche nach etwas Neuem, Anregenden ist und nicht bereits zu den eingefleischten Blankertz-Leser gehört, der wird hier fündig. Intellektuelle Freiheitskeime werden gesät, libertäre Bühnenbilder und erzählerische Impressionen geboten. Prädikat „außerordentlich anregend“.

Quelle: Forum Ordnungspolitik