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Demokratie ohne Dogma

Demokratie ohne Dogma: Theodor Geiger, Manfred Rehbinder

Die Gesellschaft zwischen Pathos und Nüchternheit

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Autor(en) Theodor Geiger Verlag Duncker & Humblot
Herausgeber Manfred Rehbinder
Sachgebiet(e) Recht ISBN 3-428-07191-3

1991, 4. Aufl., durchges. und hrsg. von Manfred Rehbinder. Frontispiz; 401 S., br.
erschienen in der Schriftenreihe zur Rechtssoziologie und Rechtstatsachenforschung (RR71)

Rezension von der buchausgabe.de-Partnerwebseite Freiheit, Markt und Recht:

Antikollektivismus ist Wertnihilismus

Zu den bedeutendsten Schriften für Freiheitsfreunde zähle ich das Buch "Demokratie ohne Dogma" des Rechtssoziologen Theodor Geiger (1891 - 1952).

In ihm beschreibt der polyglotte und aus Nazi-Deutschland emigrierte Wissenschaftler die Kennzeichen moderner Massendemokratie, geht hart ins Gericht mit der sogenannten "Volksgemeinschaft" und dem "Gemeinwohl", erläutert, weshalb etwa Nationalgefühl und Klassenbewusstsein als pathetische Kollektivgefühle stets aggressiv auftreten müssen, zeigt die Wertevernichtung durch die angebliche "Wertegemeinschaft" auf, und fordert die kritische Vollendung der unterbrochenen Aufklärung.

Mir gefällt am besten, dass er sich für einen "praktischen Wertnihilismus" ausspricht. Für Geiger ist ein praktischer Wertnihilist jemand, der kein Werturteil abgibt. Gefühl und Objekt des Gefühls sind zweierlei. Wer sich zu den kritisch Aufgeklärten zählen will, verzichtet auf Aussagen wie "Mord ist ein Greuel" und "Diebstahl ist schlecht". Töten bzw. stehlen etwa sind zunächst bloße Handlungen; das eine als "Greuel", das andere als "schlecht" zu bewerten, ist jedoch eine von den entsprechenden Handlungen unabhängige Wertmoral. Aber eine kollektive Wertmoral gibt es schon theoretisch nicht - also ist es nicht nur überflüssig, sie zu "praktizieren", das bloße Vertreten von "Werten" ist schon für jede beliebige Menschenmenge, die nur als Rechtsgemeinschaft frei existieren kann, schlicht schädlich. Dass eine Gefühlsgemeinschaft jedoch jederzeit purer Terror für den Einzelnen sein kann, vor allem für den, der da nicht so viel "fühlt", erlebt man schon in der von so vielen Eiferern für "heilig" gehaltenen "Familie" (die Christoide und andere Mystiker noch in hegelscher Tradition als "Keimzelle des Staates" glauben halten zu sollen) . - Wer hier einen Fürsprecher eines angeblichen "Werteverfalls" zu erkennen glaubt, liegt völlig daneben, Geiger schreibt 1950 (!): "Aufgelöster als unser moralischer Standard durch das Schisma sittlicher Weltvorstellungen heute schon ist, kann er durch keinen Wertnihilismus werden."

Quelle: Bodo Wünsch, Freiheit, Markt und Recht

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