FAZ vom 21.07.2008: Chefvolkswirt von Barclays Capital plädiert für privates Geld
23.07.08
Ein bemerkenswerter Kommentar findet sich in der FAZ vom 21. Juli. Thorsten Polleit, der Chefvolkswirt von Barclays Capital, plädiert darin für die Privatisierung des Geldwesens.
Polleit spricht offen davon, daß sich die Staaten das Geldmonopol angeeignet haben, nachdem sich das Geldwesen zuvor im Rahmen freien Tausches entwickelt hat. Sein Hayek-Zitat, "die Geschichte des staatlichen Geldes sei, mit der Ausnahme einiger kurzer Episoden, eine Geschichte von Lug und Trug" sitzt. Polleits Analyse bezieht sich immer wieder auf die Österreichische Schule der Nationalökonomie. Daß Polleit seine "Österreicher" kennt, bemerkt man insbesondere, wenn er auf die Fehlkonstruktion des staatlichen Geldes hinweist, in dem durch Kreditvergabe Geld "geschöpft" werde. Dieses in die Überschuldung führende Kreditwesen stellt für Polleit die Ursache für die aktuelle Krise der Volkswirtschaften dar.
In den Augen Polleits ist der Schuldige nicht der Markt, sondern die Politik, die mit ihren monetären Interventionen immer wieder solche Krisen wie die aktuelle hervorruft.
Doch Polleit beläßt es nicht nur bei der Kritik, sondern bietetet einen Reformpfad an, der in zwei Schritten zu einer Reprivatisierung des Geldwesens führen soll.
- In einem ersten Schritt sollen die Zentralbanken zu einer Golddeckung der Banknoten verpflichtet werden. Jeder Geldhalter solle das Recht erhalten, seine Bankguthaben jederzeit in Gold umzutauschen.
- In einem zweiten Schritt könnte dann das Geldwesen privatisiert werden, indem Geschäftsbanken die Möglichkeit erhalten sollen, eigenes Geld anzubieten. Je nach Angebot und Nachfrage würde sich vielleicht sogar ein sog. Bimetallismus, bei dem Gold und Silber als Zahlungsmittel dienen, herausbilden.
Polleits Fazit lautet, daß durch die Privatisierung des Geldwesens auch die Neigung zu freiheitsfeindlichen Staatseingriffen verringert würde und daß gleichzeitig ein freies Marktgeld der Inflationierung, wie sie gerade wieder im Gange ist, ein Ende setzt.
Der Kommentar des Chefvolkswirts der Barclays Bank ist unter zwei Gesichtspunkten bemerkenswert:
- Zum einen scheint die deutsche Bankenwelt, vorneweg der Chef- und Vorzeige-"Volkswirt" der deutschen Bank, Norbert Walter, geradezu besessen von der Idee staatlicher Geldmengenlenkung zu sein. Um so mehr hebt sich der Artikel mit seinem Eintreten für die Privatisierung des Geldwesens in erfrischender Form von den allgemeinen inhaltsleeren Statements der Chef-"Volkswirte" ab.
- Zum anderen zitiert Thorsten Polleit, der seinen Horizont offensichtlich über das Lehrbuchwissen hinaus erweitert hat, den Gründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie Carl Menger, der die Entstehung des Geldes selbst als Marktprozeß beschrieben hat und einen seiner geistigen Enkel, den Konjunkturtheoretiker Friedrich August von Hayek.
Ich würde mir mehr solcher Kommentare in der FAZ wünschen.
Michael Kastner
buchausgabe.de

