3 Bücher in einem: Die etwas andere Geschichte der Bundesrepublik
27.05.09
Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, daß "Die Pervertierung der Marktwirtschaft" eigentlich aus drei Büchern besteht. Es spricht für die Qualität des Autors Michael von Prollius, daß er es verstanden hat, alle drei Stränge zu einem nicht nur lesbaren, sondern spannenden Handlungsfaden zu verflechten: Liberale Theorien, wirtschaftliche Geschichte der Bundesrepublik und Beschreibung und Analyse der gegenwärtigen Wirtschaftskrise.
Nicht jeder Autor, der sich mit dem Thema "Marktwirtschaft" beschäftigt, ist auch ein guter Erzähler. Da mag die Sachkenntnis noch so sehr in die Tiefe gehen. Michael von Prollius ist ein Glücksfall für die liberale Publizistik. Er hat nicht nur wirtschaftshistorische, sondern auch wirtschaftstheoretische Sachkenntnis und er schreibt in einer Form, die nicht nur verständlich, sondern auch elegant und pointiert ist.
Bereits im ersten Teil der "Pervertierung der Marktwirtschaft" schultert Michael von Prollius die schwerste Aufgabe mit intellektueller Bravour. Er erklärt die Idee der "Spontanen Ordnung", ohne die es keinen Markt gäbe, innerhalb einer komplexen und arbeitsteiligen Umwelt. Was er beschreibt ist Preisbildung als Wissensbildung, die immer nur das Ergebnis menschlichen Handelns sein kann. In einem komplexen sozialen Umfeld bieten Preise Barometer für die Knappheit von Gütern. Werden die Preise gestört, gerät das gesamte Gefüge, in dem sich die wirtschaftlichen Akteure bewegen, aus den Fugen.
Nun mag diese Erkenntnis dem einen oder anderen Leser bereits bekannt vorkommen, aber darin erschöpft sich von Prollius' Erklärung der Marktwirtschaft nicht. Einen zusätzlichen Glanzpunkt verleiht er seiner Erklärung der Marktwirtschaft, indem er immer wieder die entsprechenden Ideen und ihre Vertreter in Relation setzt. Er zeigt, an welchen Stellen sich etwa die Vorstellungen von Alfred Müller-Armack, Alexander Rüstow und Walter Eucken von den Ideen der Österreichischen Schule unterscheiden, und an welchen Stellen sich Überschneidungen ergeben: einerseits der ORDO-Gedanke, der zur Verhinderung von Monopolen und Kartellen einen starken Staat verlangt, andererseits der laissez-faire Kapitalismus, in dem die "Österreicher" dem Staat lediglich den Schutz der Eigentumsrechte zugestanden.
Mit diesen Voraussetzungen ausgestattet, führt Michael von Prollius den Leser nun durch die Geschichte der Bundesrepublik. Er erzählt vom harten Kampf, den Ludwig Erhard nicht nur gegen die Sozialisten, sondern auch gegen die eigene Partei führen mußte, damit das Projekt "Soziale Marktwirtschaft" nicht scheitert. Man kann es garnicht genug hervorheben, wie wichtig von Prollius' ideengeschichtliche Einführung für das Verständnis der wirtschaftlichen Vorgänge der frühen Bundesrepublik waren. Hätten die Liberalen, die je trotz all ihrer Meinungsverschiedenheiten doch immer auch einen regen Gedankenaustausch praktizierten, nicht eine so hervorragende intellektuelle Vorarbeit geleistet, dann hätte das sog. Wirtschaftswunder, das kein Wunder, sondern Ergebnis eine halbwegs freien Marktes war, niemals stattgefunden. Sie waren die einzige Unterstützung, die Ludwig Erhard hatte. Für Adenauer war die Marktwirtschaft bestenfalls ein Beiwerk, auf das nicht nur er, sondern ein Großteil der Bevölkerung, notfalls auch hätte verzichten können. Die Preisfreigabe, die Ludwig Erhard 1948 erzwang, galt nicht für alle Bereiche der Wirtschaft, aber doch in einem solchen Ausmaß, daß sich die Schaufenster wieder mit Waren füllten und die Schwarzmärkte deutlich leerten.
Doch von Anbeginn an hatten die liberalen Ideen keinen leichten Stand. Der Wind blies ihnen kräftig und von allen Seiten ins Gesicht. Die ersten schwerwiegenden Sündenfälle fanden bereits in den fünfziger Jahren statt. Die Aufgabe der kapitalgedeckten Rente zugunsten des Umlageverfahrens sei hier nur stellvertretend genannt.
Über die sechziger Jahre, die mit Einführung des magischen Vierecks als Instrument der wirtschaftlichen Globalsteuerung eine neue Welle staatlicher Wirtschaftsinterventionen auslösten, über die Verschuldungsorgien der Folgejahrzehnte, die Sünden der Wiedervereinigung, zu denen die geschönten Umtauschquoten der DDR-Mark ebenso gehörten wie die Weiterführungen der DDR-Enteignungen, bis heute zeichnet Michael von Prollius ein Bild stetiger ordnungspolitischer Verwahrlosung der Bundesrepublik. Dies ist die Pervertierung, die dem Buch den Titel gegeben hat: der Markt und die Handlungsalternativen der Akteuren nehmen stetig ab, während jene, die von Transferzahlungen leben, immer stärker zunehmen.
Schließlich, und das bildet einen weiteren Höhepunkt, weswegen ich dieses Buch bedingungslos empfehlen möchte, analysiert Michael von Prollius die aktuelle Krise. Sein theoretisches Koordinatensystem ist dabei eindeutig auf die Österreichische Schule ausgerichtet. Er zieht hierbei nicht nur die Klassiker wie Murray Rothbard zu Rate, der bereits die Depression der 30 Jahre so genial wie grundlegend erklärte hat, sondern scheut auch nicht davor zurück, zeitgenössische "Österreicher" wie Guido Hülsmann oder das Institut für Wertwirtschaft in Betracht zu ziehen.
"Die Pervertierung der Marktwirtschaft" ist ein rundum gelungenes Buch und es ist sicherlich kein Zufall, daß hiermit dem Olzog-Verlag, rechtzeitig zu seinem 60sten Geburtstag, erneut ein großartiges ökonomisches Werk gelungen ist. Wie immer bei Olzog ist das Buch sorgfältig lektoriert und hochwertig aufgemacht.

